Südalbanien

Nach einem erholsamen Pausentag in Vlora nahmen wir die Weiterreise früh morgens in Angriff. Früh aus den Federn hat sich allemahl gelohnt, denn die Sonne begrüsste uns fröhlich und unser Ziel vom heutigen Tag war hoch. Vom Meer aus ging es über 1000m in die Höhe zur Bezwingung des wohl bisher längsten und steilsten Passes, den Llogara-Pass. Mit ausgiebigem Frühstück im Magen folgten wir der wenige befahrenen und aussichtsreichen Küstenstrasse, welche uns ins Tal vor dem grossen Aufstieg führte. Auf dem Weg trafen wir sogar zwei andere Bikepacker, welche sich für einen Teilabschnitt spontan zusammen getan haben. Funfact daran: Der eine ist gleizeitig wie wir im August los, jedoch in Peking und ist in der selben Zeit schon so weit gekommen. Er meinte dazu nur leicht schmunzelnd: Only a litte bit faster than you ;). 

Nach dieser coolen Begegnung gings ganz gemächlich weiter mit der Steigung, bis wir bei einer Tankstelle kurz vor dem eigentlichen Anstieg noch ein Espresso und ein paar Guetzli genehmigten. Bereits der erste Anstieg hatte es ordentlich in sich und wir gewöhnten die Beine schon mal dran, die nächsten 10 Kilometer weiter so in die Pedale zu treten. Da der meiste Verkehr dieser Region seit Neuem durch ein Tunnel geleitet wird, hatten wir wirklich sehr wenig Verkehr und konnten in aller Ruhe grosse Kurven hin und her über die ganze Strasse ziehen. Die all paar Kilometer stehende 10 % Steigungstafel wurde bereits zur Gewohnheit und wir dachten schon bald, sie hätten wohl mal eine Überproduktion dieser Tafeln gehabt. Vorbei durch schöne Waldabschnitte mit frischer Pinienluft und schönen Blicken zurück aufs Meer kämpften wir uns Meter für Meter hoch. All 10 Minuten erinnerte unser Snack-Wecker uns daran, ein Manderindlischnitz oder ein Guetzli zu schnabulieren. Bei einer Kurve mit einem verlassenen Haus stürmte eine freundlich aussehende Hündin auf uns zu und wollte nebst Streicheleinheiten auch sonst was erhaschen. Wir hatten zum Glück noch etwas altes Brot dabei, über dass sie sich riesig freute und gierig wie an einem Knochen herumnagte. Nach einigen weiteren, kräftezerrenden 10 % Abschnitten war es dann geschafft. Die eigentliche Passhöhe mit 1027 m.ü.M. ist erreicht und wir wurden mit einem gewaltigen Weitblick belohnt. Noch etwas hügelig auf der Höhe selbst ging es weiter bis zu einem Kaffee- und Desserthalt mit Panorama. Die wärmenden Sonnenstrahlen waren herrlich, denn die Luft selbst war immer noch sehr kühl. 

Kurz vor der atemberaubenden Abfahrt noch einen Plattentaufe Kleber an die Leitplanke und dann sausen lassen! :) Wow war das schön, wir mussten immer wieder anhalten und die Aussicht geniessen. Hinter uns die noch mit schneebedeckten Gipfel und vor uns das offene, glitzernde Meer. 

Mit Sonnenuntergangsstimmung im Rücken kamen wir bei unserem Airbnb im kleinen, im Hang gelegenen Ort Dhërmi an und wurden von den Gastgebern herzlich empfangen. Die Wohnung war ganz unerwartet top modern eingerichtet, mit Blick aufs Meer und richtig gemütlich. Da hätten wir locker noch länger als 1 Nacht verweilen können, jedoch lockte uns das kurze Schönwetterfenster wieder zurück auf den Bock. Ein frühes Zmorgen-Zmittag gönnten wir uns noch in einem Dorflokal und wurden dabei von einem härzigen Strassenhund angehimmelt. 

Gestärkt gings für die nächsten Kilometer der hügeligen aber aussichtsreichen Küstenstrasse entlang. Die Landschaft war sehr abwechslungsreich, mal durch eine kurvige Schlucht, vorbei an rötlichen Felsen und sehr grün bewaldeten Hügelzügen. Wir merkten erst durch teilweise Zeichnungen am Strassenrand, dass das ein Streckenabschnitt des Giro d‘Italia ist und die verrückten Gümmeler da jeweils mit einem Höllentempo die Höhenmeter rauf und runter flitzen. Wir nahmens hingegen gemütlich und fuhren im Zielort Himare zuerst mal zur Beach Bar und gönnten uns ein erfrischendes Crodino. Da wir an diesem Abend planten, auf einem nahegelegenen Camping zu übernachten, wollten wir im Dorfzentrum noch einkaufen gehen. Als wir mit unseren Einkäufen wieder nach draussen kamen, warteten neben unseren Velos zwei freundlich grinsende Gesichter auf uns, welche direkt mit uns anfingen zu plaudern. Es waren Fede und Baaska, welche gerade im Hostel in der Nähe auf ihrer Bikepackingtour mit dem Tandem gestrandet sind. Wir fühlten uns in ihrer Gegenwart sichtlich wohl und entschieden uns direkt, mit ihnen zum Hostel zu gehen und da die Zeit zusammen zu geniessen. Denn wir hatten uns viel zu erzählen! Wir durften sogar auswählen, wo wir schlafen wollen. Entweder sehnlichst wieder mal unser Zelt aufschlagen im schönen Hostelgarten oder uns bei ihnen in den Hostelzimmern einquartieren. Wir nutzten die Gelegenheit gerade, das Zelt wieder aufzustellen und vorallem die neue Matte von Martina zu testen. Wird sie wohl den kalten Temperaturen des Bodens standhalten? Wir werden es herausfinden. :)

Den späten Nachmittag und Abend verbrachten wir zusammen mit Fede, Baska und auch noch Mara, welche auch als Bikepackerin unterwegs ist und zufällig hier zusammen mit den anderen Beiden den Hostelbetrieb stellvertretend schmeisst. 

Wir hatten uns viel zu erzählen und es war einfach unglaublich gemütlich, in der Gemeinschaftsküche alle zusammen an einem grossen Tisch zu sitzen und uns auszutauschen! :) Wir genossen die schöne Gesellschaft sehr. Nach dem Abendessen gings dann ab ins Zelt um uns in die warmen Schlafsäcke zu kuscheln. Die Nacht war ein wenig durchzogen, aber nicht etwa wegen der Kälte sondern mehr wegen dem Gebelle in der Nachbarschaft. Ein Hund hatte mal wieder unglaubliche Ausdauer beim Bellen gezeigt! Doch die Matte hat die Feuerprobe bestanden und war sogar noch erstaunlich bequem. Einziger Nachteil: Sie ist fast doppelt so breit wie Mattias Matte und drängt ihn manchmal ganz schön in den Zeltecken… 

Wir packten unsere sieben Sachen zusammen und bewunderten noch gegenseitig unser Fahrradequipment, danach war auch schon wieder Ciao sagen angesagt. Gar nicht so einfach, sich wieder zu verabschieden, wenn die Gesellschaft so schön war. Doch wir wollten das zweitägige Schönwetterzeitfenster nutzen um etwas weiter südlich zu kommen. Unsere Route führte an wirklich schönen Landschaftsabschnitten vorbei mit vielen Tierbegegnungen. 

Angekommen im Dorf Piqeras stellte sich die Suche nach unserer gebuchten Unterkunft gar nicht so einfach an. So telefonierten wir kurz den Gastgebern und die sagten uns, wir sollen ins Dorfzentrum gehen und da warten, bis uns die Mutter abholt. :) Mal anders, aber wieso nicht, dachten wir uns. Und tatsächlich ging es nicht lange und eine ältere Dame holte uns ab und brachte uns zu ihr direkt in die Stube vor das Cheminée. Damit hatten wir jetzt wirklich nicht gerechnet, denn sie servierte uns auch gleich einen Kaffee und Guetzli und plauderte mit uns auf albanisch, wir mehr auf Schweizerdeutsch oder Italienisch….

Als wir am Cheminée mit süsser Katzengesellschaft wieder aufgewärmt waren, machte sie uns zu verstehen, dass sie gerne für uns Abendessen kochen würde. Wir hätten zwar alles für Pasta-Pesto dabei gehabt, aber als wir für die Mitbenützung der Küche fragte, konnten wir ihr nettes Angebot nicht ausschlagen. Wir durften in der Zwischenzeit das Zimmer beziehen und sie machte sich unten in der Küche ans Abendessen vorbereiten. Wir hofften insgeheim, dass das als Einladung galt, denn mehr albanische Leke als das Zimmer zu bezahlen, hatten wir in unseren Portemonnaies nicht mehr dabei…

Doch die Dame wirkte so herzlich, dass wir nicht an eine Dienstleistung dachten. Wir brachten ihr auch nach dem leckeren Essen noch eines unserer Würfelspiele bei und sie schien uns wirklich sehr zu mögen. Das Angebot, das Frühstück für uns auch noch vorbereiten zu können, lehten wir dann aber dankend ab, da wir nicht noch selber etwas dabei hatten. So ganz lassen konnte sie es dann aber am Morgen doch nicht und ein Kaffee, Tee und eine süssliche Brotscheibe lag bereits bereit. 

Als es dann ans Bezahlen der Unterkunft ging, kam die böse Überraschung. Sie verrechnete uns das Abendessen und wir kamen das erste Mal auf der Reise in Geldnot… Aus der Not heraus, versuchten wir es mit einem altbekannten Mittel, dem Tauschhandel. Wir schenkten ihr unseren Biervorrat und ein Pack Kaffee und hatten immer noch ein schlechtes Gewissen. Sie merkte uns unser Unwohlsein an und mit einem Kuss auf die Backe war es wohl in Ordnung so. Etwas verwirrt zwischen was war nun echte Gastfreundschaft, was war einfach Geschäft, verliessen wir das Dorf wieder. Hätte sie uns doch bloss von Anfang an in der Küche etwas kochen lassen oder gezeigt, dass es nicht eine Einladung sondern kosten wird, hätten wir das Angebot dankend abgelehnt. Naja, vielleicht waren wir einfach etwas naiv an die Sache rangegangen, aber mehr Bargeld in albanischer Leke wollten wir nicht dabei haben, denn die Grenze ins nächste Euroland steht kurz bevor. 

Der nächste Küstenabschnitt führte uns vorbei an hügeliger Landschaft, einigen Kühen und Schafen und mit einer rasanten Abfahrt nach Saranda. In Saranda angekommen, freuten wir uns auf das warme Airbnb.

Warm war es jedoch leider noch gar nicht, da musste die Klimaanlage zuerst noch ordentlich einheizen. Doch mit der Zeit klappte dies gut und auch die warme Dusche half sehr. Wir schnausten noch eine leckere Pizza in der Nachbarschaft und fielen schon bald ins Bett. Der nächste Tag war gemütliches Stadt erkunden und Kaffee trinken angesagt. Obwohl die Stadt wirklich alles andere als schön war, fanden wir den kurzen Spaziergang an der Küstenpromenade angenehm und erhaschten sogar einen Blick auf die Insel Korfu. Unser sonstiger Bewegungsradius verlieb nahe unserer Unterkunft herum, denn die Pizzeria lockte uns nochmals und auch ein härziges Kaffee war in der Nähe. So vergingen die Pausentage gemütlich und wir setzten uns bei Sonnenschein und mit neuer Energie wieder auf unsere Drahtesel. 

Bei Sonnenschein sah die Stadt schon ein wenig freundlicher aus und wir machten auf dem Weg noch hungrige Strassenbüsi glücklich mit einem kleinen Häppchen. Die Route führte uns auf einer nicht allzu stark befahrenen Strasse vorbei an einem See mit Austernzucht, einem ausschliesslich für Touristen neuerbauten Quartier, einer Ziegenherde am Strassenrand und schliesslich landeten wir bei der Fütterung einer Strassenhundmama mit ihren zwei kleinen Wollknäueln. 

Kurz nach dieser kurzen Pause im Dorf mit der Strassenhundfamilie trafen wir am Wegrand auf einen älteren Herrn, welcher gerade am Pause machen war von seiner Olivenbaumpflege. Wir erklärten ihm mit Google Translator unser Vorhaben mit einem Zeltplatz für eine Nacht zu finden. Er winkte uns rein in den Olivenhain und es wirkte so, als ob er noch kurz ein Abklärungstelefon machen musste. Offensichtlich war er nicht der Besitzer dieser schön gepflegten Anlage sondern er zeigte uns mit einer nicht ganz klaren Handbewegung, das wohl der Besitzer irgendwo weiter unten im Olivenhain am Arbeiten war. So setzten wir uns zuerst mal gemütlich hin und warteten darauf, das der Besitzer bald hoch zu seinem geparkten Auto kommen wird. Als dann die inzwischen immer näherkommenden Regenwolken ihre ersten Tropfen verstreuten, nahmen wir allen Mut zusammen und gingen auf die Suche nach dem Besitzer. Wir folgten dem Motorsagegeräusch und riefen ganz freundlich „Hello“ ins Gestrüpp. Und tatsächlich kam ein freundliches Hallo zurück und ein etwas erstaunter Mann trat uns vor die Füsse. :) Auch bei ihm versuchten wir mit dem Übersetzer für ein Okay für ein Plätzchen für 1 Nacht zu fragen. Ohne gross zu Überlegen zeigte er den Daumen nach oben. Juhuui gerade noch vor dem stärkeren Regenfall konnten wir unser Zelt aufstellen und ins Trockene fliehen. Es fühlte sich schon sehr nach Pfadilager an, wie wir da einfach im Zelt sassen und darauf warteten, den Rest unseres Nachtlagers aus unseren Velotaschen zu packen, sobald der Regen nachlässt. Mit einem Würfelspiel lässt sich jede Wartezeit super überbrücken. Wir hatten Glück, in einem kurzen, trockenen Zeitfenster konnten wir alles fertig einrichten uns sogar schon ein wenig Gemüse schneiden fürs Znacht. Ein wenig später kam sogar der nette Besitzer nochmals kurz zu uns und hatte eine ganz kreative Art gefunden mit uns zu kommunizieren. Sein Sohn übersetzte für ihn via Telefonanruf für uns und er fragte ganz fürsorglich nach, ob wir uns an diesem Ort auch wirklich wohlfühlen. Wir stimmten zufrieden zu und er schenkte uns noch ganz frische, leckere Orangen. 

Im Verlauf des Abends meinte es Petrus sogar noch so gut mit uns, dass die letzten Sonnenstrahlen des Tages die Umgebung in ein wunderbares Abendlicht verwandelte. Nach dem feinen Znacht freuten wir uns schon auf die warmen Schlafsäcke und auf eine hoffentlich ruhige Nacht. Abgesehen von einem wieder sehr aktiv bellenden Hund in der Nachbarschaft, war es aber angenehm ruhig geblieben. 

Zum Frühstück freuten wir uns schon auf den leckeren Orangensaft, den wir neustens mit einer Mini-Presse selber zubereiten können. Mhhhm so fein! Nach dem stärkenden Frühstück gings mit den gesattelten Velos gleich weiter zum nächsten Highlight. Wir wussten, dass wir bald einen Fluss mit einer urtümlichen Seilfähre überqueren dürfen. Es war ein sehr ungewöhnliches Erlebnis, das leider schnell wieder vorbei war, da es nur eine sehr kurze Überfahrt war. Ab diesem Ort ging es noch ein wenig hügelig weiter nach der Ebene und führte uns schliesslich bis zur albanisch-griechischen Grenze, welche wir mit einer gemütlichen Abfahrt erreichten. Als wir die griechische Flagge im Wind wehen sahen, war es ein bisschen wie ankommen. Das Land, welches wir von Anfang an als ein mögliches Ziel im Kopf hatten, steht nun direkt vor uns!  

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