Weil für die nächsten Tage viel Wind und Dauerregen angesagt wurde, haben wir uns dazu entschieden in den nächst grösseren Ort zu fahren und das Sauwetter auszusitzen. Wir fanden ein preisgünstiges Hostel, welches sehr sympathisch war und checkten am Nachmittag in Ulcinj ein. Wir wurden vom Besitzer herzlich begrüsst und machten auch gleich Bekanntschaft mit seinem süssen Vater "Baki", der offenbar stolzer Chef über die hauseigene Küche war. Ein paar Tage zuvor hatten wir diesen Ort mit der kleinen Altstadt ja schon einmal besucht... mal schauen was es hier sonst noch so zu entdecken gibt.
Am Abend tranken wir einen Kaffee im angesagtesten Lokal der Stadt und machten eine Bekanntschaft mit einem älteren Herr namens "Rudi". Stolz führte er uns die Strassen entlang und erzählte uns, welche Häuser alles ihm und seinen Brüdern gehören. Einem angesehenen Mann in der Stadt, sind wir hier begegnet, so wie es scheint. Jede zweite Person grüsste ihn beim Namen und stolz präsentierte er seine neuen Schweizer Freunde dem Fussvolk. Spätestens nachdem wir in einem Restaurant ein Glas Wein trinken gingen, merkten wir, dass es aufgrund seiner Themenwahl nicht nur immer angenehm ist mit dem alten Mann zu sprechen. So machten wir uns schon bald aus dem Staub und freuten uns bei diesem Hudelwetter auf eine Nacht mit einem Dach über dem Kopf.
Unsere Hauptbeschäftigung am nächsten Tag war es erstmal nicht von "Rudi" gesehen zu werden. In einem Rudifreien Kaffee beobachtete Martina die grossen Wellen am Strand, während Mattia nach 5 Monaten endlich einen Coiffeur aufsuchte. Mit einem perfekten Balkanschnitt lässt es sich doch gleich viel besser leben! Die Tarnung viel aber trotz allen Vorkehrungen auf und Rudi entdeckte uns noch vor der Dämmerung. So kamen wir an einem erneuten unangenehmen Kaffeehalt leider nicht vorbei...
Am Abend gönnten wir uns in einem vom Hostel empfohlenen Restaurant dann noch eine traditionelle Speise namens "Pljeskavica". Hauptsache Fleisch... ;)
Man glaubt es kaum, aber am nächsten Tag kamen wir komplett Rudifrei durch! Dies lag aber vorallem daran, dass wir den ganzen Tag so ziemlich nichts unternommen hatten. Weil man hier irgendwie wirklich nicht viel mehr unternehmen kann als die unzähligen Kaffeehäuser besuchen, hatten wir für den Abend über das Hostel einen traditionellen Kochkurs gebucht. Etwas vorgegriffen kann man durchaus schon sagen, dass wir abgesehen von Teig ausrollen und Sesam streuen nicht all zu viel gelernt hatten. Spass hat es aber trotzdem gemacht und ein Erlebnis war es definitiv, denn die Aktivität fand in der Stube von Lia, einer älteren Dame statt. Sie erzählte uns währendem wir uns die Mägen mit zahlreichen Leckereien vollschlugen viele interessante Sachen über den Ort und darüber, wie die verschiedenen Religionen in der Stadt zusammenleben. Highlight des Abends war aber definitiv der Auftritt von Lias Mann. Dieser kam nämlich direkt von der Jagd mit seiner Flinte in die Stube stolziert und streckte uns voller Freude seine heutige Errungenschaft entgegen. Der geschossene Vogel wird wohl schon bald in der nächsten Suppe von Lia landen. So läuft das hier also ;)
Nachdem wir satt waren spazierten wir noch etwas durch die Stadt und schauten einigen Feuern am Strassenrand zu. Die orthodoxe Bevölkerung der Stadt feiert nämlich am heutigen Tag (6. Januar) Heiligabend. Als wir dann etwas später an einer Sporthalle vorbei kamen, die schon so ziemlich in die Jahren gekommen war, schauten wir noch bei einem regionalen Fussballturnier vorbei. Es war jedoch fast spannender die Geschehnisse nebem dem Platz zu beobachten als das eigentliche Spiel zu schauen.
Am nächsten Morgen mussten wir früh aus den Federn, denn an diesem verregneten Tag stand ein Städtetrip auf dem Programm. Unser Hostelpapa organisierte uns nämlich ein Taxi um ins ca. 40km entfernte Shkoder in Albanien zu gelangen. Wir müssten lediglich um 6 Uhr vor dem Hostel bereit stehen. Ganz zu unserem Erstaunen war dies gar kein Privattaxi, sondern ein Kleinbus in dem bereits einige verschlafene Einheimische sassen. Obwohl es so früh war gab es für unseren Fahrer schon einiges zu tun. Bei der stündigen Fahrt haben wir doch einige Übergaben von irgendwelchen Plastiksäcken und ominösen Kartonpäckchen über die Fahrbahn erlebt. Überall stiegen Leute ein und aus und an der Grenze fuhren wir an allen anderen Autos ohne Wartezeit vorbei. Kein Wunder, denn unser Fahrer kannte so ziemlich jeden Beamten an der Grenze. Nach ca. einer Stunde Fahrzeit kamen wir dann schliesslich in Shkoder an und wir deckten uns in einem netten Kaffeehaus erstmal mit Frühstück ein.
Als wir uns dann etwas auf den Strassen umschauten fiel uns sofort auf dass wir hier offenbar im Amsterdam von Albanien gelandet sind. Nicht etwa wegen den vielen Brücken und Kanälen, sondern wegen den extrem vielen Fahrradfahrenden die bereits in den frühen Morgenstunden unterwegs waren. Nachdem wir in Montenegro und Kroatien so ziemlich niemanden auf einem Fahrrad angetroffen hatten, machten unsere Herze natürlich Freudesprünge. Wie wir herausfanden ist dies aber kein Zufall, denn die vielen Fahrräder haben einen historischen Hintergrund. Als Albanien noch kommunistisch und vom Rest der Welt isoliert war, durfte man als Privatperson angeblich kein Auto besitzen. So kam es, dass hier das Fortbewegungsmittel Nr.1 auch heute noch das Fahrrad ist. Besonders bei Regen wird das Stadtbild so extrem aufgefrischt wie wir finden... Fahrradfahrende Rentner mit Regenschirm im Starkregen sehen verdammt gut aus, da sind wir uns einig!
Überhaupt wusste man irgendwie nie wo man hinschauen sollte hier, denn überall gab es etwas zu sehen. Sei es der interessante Markt oder die unzähligen Fahrradläden. Irgendwie ist hier halt einfach alles so ziemlich anders als bei uns in der Schweiz. Man fühlt sich in der Zeit zurückversetzt und überall lebt es.
Einige Kaffes später trafen wir dann (fast) pünktlich um 15 Uhr unseren mehr oder weniger vertrauenswürdigen Fahrer wieder. Natürlich hatte er schon wieder drei neue ominöse Pakete dabei, die er später auf dem Weg noch verteilen wird. Noch bevor wir aus der Stadt raus sind werden schon wieder diverse Geschäfte erledigt und verschiedene Personen steigen zu. Mit einem für uns etwas zu schnellem Fahrstil ging es weiter über die inzwischen fast schon überschwemmten Landstrassen. Alle 10 Minuten wird wieder etwas aus und eingeladen und wir fragen uns immer wieder, was für Waren hier wohl alles hin und her geschoben werden. An der Grenze hielten wir diesmal etwas länger als bei der Hinfahrt. Nicht etwa weil wir warten mussten, sondern weil der Busfahrer mit den Grenzbeamten noch einige Zigaretten rauchen musste. Einige Halte später kamen wir dann heil wieder in Ulcinj an. Die ganze Fahrt war definitiv ein Erlebnis. Gleichzeitig waren wir aber auch immer etwas skeptisch wie viel "Dräck am Stäcke" unser Fahrer wohl hat. Auch die besondere Beziehung zu den Beamten verstärkte diese Vermutung natürlich, vor allem wenn es ein Fakt ist, dass in Albanien Korruption ein grosses Thema ist. Vielleicht sind es aber auch nur Vorurteile und wir erlebten gerade wie die Leute hier an ihre Waren kommen, die sie nicht beim Lädeli von nebenan kaufen können. Vermutlich war es eine Mischung aus beidem... ;)
Geschafft vom Tag freuten wir uns auf die letzte Nacht im Hostel und sind froh, dass es am nächsten Tag wieder weitergeht.


































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